Ein Fußbad der Gerechtigkeit

Ich bin für Gerechtigkeit und das nicht nur bei Negerkindern und Frauen. Deshalb nehme ich ein Fußbad, aber das für meine Füße. Denn wenn ich dusche, dann kommt das Wasser zuerst auf meinen Kopf, dann auf meine Schultern, auf meine Brust (die ist aber männlich), auf meinen Bauch, dann untenrum, dann läuft das Wasser über meine Beine und kommt dann, aber erst, auf meine Füße, die also das Wasser nicht sauber abkriegen. Und das ist nicht gerecht. Darum nehme ich auch gerne mal ein Fußbad extra – ein Fußbad der Gerechtigkeit.
Gestern musste ich sehr viel laufen, und meine Füße auch, bei meiner Arbeit: Ich arbeite ja in einem großen dortmunder Bestattungshaus, es ist ein mittelständisches Unternehmen. Wir hatten eine schöne Beerdigung vorbereitet. Die Kapelle war mit Blumenschmuck geschmückt, der Sarg war schlicht, aber teuer, und eine Kapelle, aber eine andere, sollte auf der Prozession zum Grab spielen, aber auch da. Zunächst fanden wir keine Stelle, wo wir die Beerdigung hätten durchführen können. Das kommt nicht immer so vor, aber manchmal.

Gestern vormittag war es sehr voll in der Kapelle, viele Gäste mussten stehen und zuhören, wie mein Kollege Dankwart, mit dem ich auch befreundet bin, eine Abschiedsrede hielt. Aber auch die Sitzenden. Denn Dankwart spricht ja für alle; gerecht muss es sein.
Am Ende seiner bewegenden Worte spielte noch Frau Hauptvoll auf dem Harmonium, was alle Anwesende und Anwesenden noch trauriger machte. Das gelingt ihr auch bei Hochzeiten. Zu den Klängen ihres Vortrages schritten dann alle Mann, und auch die Frauen, was man ja gerecht dazu sagen muss, denn Gleichberechtigung ist wichtig, auch für Frauen, vor die Kapelle. Hier sammelten sich alle in Reih und Glied (auch die Frauen) hinter den Sargträgern und der Kapelle, die schon warteten und wohl auch los wollten. An die Spitze gehören ja die Ehefrau und die Verwandten und der Pfarrer, der ja nicht da war, weil Herr Ungelöst, so hieß der Tote, als er noch lebte, kein Mitglied in der Kirche war. Denn wenn ein verstorbener Kunde nicht in der Kirche gemeldet ist, dann kommt ja auch kein Pfarrer, jedenfalls dienstlich.
Wir, vom Bestattungshaus, mussten nun unserer wichtigen Arbeit nachgehen und für eine würdige Bestattung sorgen. Ja, Würde ist wichtig in unserem Gewerbe, deshalb tragen wir auch viel schwarz, Hüte und auch Handschuhe, die aber in weiß, und sprechen langsam. Wir nicken viel und bestellen Blumen und richten sie her. Wie in der Kapelle, die sehr würdevoll aussah. Nun mussten wir mit der anderen Kapelle, dem Sarg, den Angehörigen und den Gästen in Würde zum Grab gehen und dort den Sarg, in dem ja Herr Ungelöst, ein Leichnam, lag, ins Grab hinablassen.
Es sollte schön werden, aber uns beunruhigte etwas: Die Geliebte von Herrn Ungelöst war auch erschienen, hielt sich aber im Trauerzug weit hinten auf, so dass zwar die anderen Trauergäste leise über sie sprachen, aber keine peinlichen Szenen zu bemerken waren.
Die Prozession ging los, die Kapelle spielte traurige Lieder, die die alten Trauergäste mitsangen – das ist auch Weihnachten so – und die Sargträger, zwei Rentner und vier Frührentner, trugen den Sarg. Dankwart und ich verhielten uns würdevoll und unauffällig (auch das muss ein Bestatter sein) und gaben den Sargträgern nur unauffällig Zeichen: langsamer, schneller, gerade halten, links, rechts, geradeaus und so weiter. Doch diesmal war es etwas schwieriger, denn wir waren auf dem Friedhof einer auswärtigen Gemeinde, den wir natürlich einige Tage zuvor erkundet hatten, aber im Dunkeln. Und an diesem schwülen Sommertag war es fast Mittag und hell. Dankwart und ich konnten den Sargträgern zunächst keinen klaren Kurs anzeigen, was ja auch nicht so schlimm ist, weil unser Institut ja auch die Mündigkeit seiner Mitarbeiter fördern möchte. Die Trauergäste, die in einer langen Prozession hinter dem Verstorbenen herliefen, der aber lag, haben auch zunächst einmal nichts gemerkt – wir befanden uns ja auch im Rheinland.
Auch der Weg kann ja das Ziel sein, aber wir haben trotzdem unauffällig nach der Begräbnisstätte Ausschau gehalten. So zog der Zug zunächst einmal auf dem staubigen Hauptweg bis zur anderen Seite des Friedhofs. Es war keine Wolke am Himmel, die Sommersonne schien und von weiter her hörte man das unbeschwerte Spielen fröhlicher Kinder. Es war insgesamt unangemessen für eine Beerdigung und damit nicht würdevoll, aber die Bäume am Rande dieses Hauptweges waren kurz zuvor gefällt worden, was zum Anlass passend traurig aussah, was auch wohl die Trauergäste angemessen traurig und damit eben auch glücklich machte. Das nennt man Glück im Unglück.
Der Friedhof hat einen Hauptweg, der aber ja keine Bäume mehr, und viele Nebenwege, an denen auch viele Gräber zu finden sind. Über diese Wege gingen wir, auch mehrmals, und die Kapelle spielte ihre Trauerlieder, die sich jetzt auch wiederholten. Der Gesang der Trauergemeinde wurde nach und nach schwächer, was man eigentlich geißeln muss, weil der Trauergesang der Prozession doch für eine pietätvolle Bestattung notwendig ist.
Es ging auf Mittag zu, man sah es an der Sonne, und die nun sehr langsame Prozession schritt fortschreitend über den Friedhof. Einige Trauergäste keuchten und Frauen tupften sich mit weißen Taschentüchern zwischen den Knöpfen ihrer Blusen (den eigenen). Einige setzten auch mal die eine oder andere Runde aus, bleiben auf einem Grabstein sitzen und reihten sich wieder ein, als der Trauerzug wieder bei ihnen vorbei kam. Ein Flachmann schien im hinteren Teil der Prozession zu kreisen.
An Wendepunkten, wenn die Spitze des Trauerzuges für einen Moment dem Ende entgegen kam, entstanden merkwürdige Klänge; denn in der Spitze wurden fortwährend Trauerlieder gesungen, während im hinteren Bereich der Prozession wohl Stimmungslieder angestimmt wurden. Auch die Geliebte, scheinbar durch Alkohol enthemmt, und die Witwe des Verstorben trafen aufeinander, als Spitze und Ende des Trauerzuges sich begegneten. Sie haben sich dann auch etwas gehauen, konnten aber schnell getrennt werden.
Nach neunzig Minuten legten alle eine größere Rast ein. Die dicke Frau Streuß, die für uns auswärts immer den Leichenschmaus herrichtet, brachte Essen und Trinken vorbei. Frau Streuß macht gut Schnittchen und hat schwarze Kleidung. Aber wenn sie Schnittchen schmiert oder Bier zapft, trägt sie keine schwarze Kleidung, jedoch einen Kittel. Der ist hellblau mit Blümchen und hat zwei Taschen und keine Arme. Aber Frau Streuß hat zwei, und die passen so eben durch die Löcher oben am Kittel. Und immer, wenn sie Butter auf die Schnittchen schmiert, dann wackeln ihre Oberarme hin und her. Genau wie ihre weibliche Brust. Das kann man sehen, wenn man aufpasst. Sie lacht viel, muss dann aber meistens husten.
Es wurde gegrillt, auch mit Getränken. Die famose Frau Streuß hatte an alles gedacht, nachdem ich sie unauffällig bei den Kindergräbern angerufen hatte. Mit dem Diensthandy unseres Institutes, aber unauffällig, denn Handys stören – auch im Kino. Sie konnte mich kaum verstehen, weil ich so außer Atem war vom vielen Laufen. Denn Dankwart und ich liefen noch viel mehr als der Trauerzug, weil wir ja nach unserem Ziel, der ausgehobenen Grabstätte, Ausschau halten mussten. Dabei haben wir uns einmal vertan und uns erleichtert zu einer Trauergesellschaft an ein Grab gestellt, mussten aber bemerken, dass dies die Konkurrenz war. Wir konnten unseren Zug aber immer schnell wiederfinden, wenn wir lauschten. (Kindergräber sind komisch, auf ihnen liegt oft viel Spielzeug: Man legt doch auch keine Rheumadecken oder Kölnisch Wasser auf Seniorengräber.)
Nach einer guten Stunde brach die Trauergesellschaft wieder auf, um Herrn Ungelöst in Würde in seinem Grab beizusetzen, das aber nicht so plötzlich aufgefunden werden konnte. Es war nun Mittag und es gab keine Wolken und Bäume am Wegesrand, aber obwohl alle noch mehr schwitzen mussten, schien sich die Stimmung wie durch ein Wunder zu bessern. Immer, wenn die Trauergemeinde am Rastplatz vorbei kam, auf dem Frau Streuß wieder klar Schiff machte, winkten viele Trauernde und riefen laut „Huhu!“. Und Frau Streuß winkte dann immer zurück und sang: „Du schwarzer Zigeuner, du kennst meinen Schmerz“, worauf immer ein großes Gelächter ausbrach. Einige Frauen kreischen immer, bevor sie lachen, daran hat auch leider die Gleichberechtigung noch nichts geändert.
Der Trauerzug schien anzuwachsen, was eigentlich ungewöhnlich ist.
Es wurde noch heißer, schwüler und lauter, die Trauergäste wankten und rempelten sich an, viele Hüte saßen schief und in vielen Strumpfhosen waren Laufmaschen. Die Trauerliedsänger wurden zwar immer weniger, bemühten sich aber aus Andachtsgründen, dies durch immer lauteres Singen auszugleichen. Sie waren aber trotzdem kaum noch zu hören, weil sich immer mehr Trauergäste der Gruppe der Stimmungsliedsänger anschlossen und die Kapelle wohl keine Puste mehr hatte und ihre Instrumente auf dem Sarg abgelegt hatte und sie so transportieren ließ. Diese Gruppe, die ja den hinteren Teil der Prozession bildete, war recht enthemmt und sang besonders laut, wenn sie der Spitze mit dem Sarg, der schon einige Macken hatte, begegnete. In der hinteren Gruppe, über der mehr Fliegen kreisten als über der vorderen Gruppe, lief nun auch die Ehefrau des Verstorbenen, eine Witwe, neben der Geliebten. Beide hatten sich wohl darüber verständigt, dass das Ableben des werten Herrn Ungelöst für beide besser war. Dankwart und ich nickten uns still lächelnd zu: Es ist schön, in unserem Beruf dafür zu sorgen, dass Friede einkehrt.
Gegen fünfzehn Uhr traten Dankwart und ich vor den Trauerzug und baten um Stillstand und Gehör, was vorne auch klappte. (Der hintere Teil eines Trauerzuges scheint sich beim Trauern weniger anzustrengen. Wir werden das bei zukünftigen Bestattungen berücksichtigen müssen. Vielleicht muss man vorn und hinten besser mischen.) Wir informierten alle, dass die Beerdigung nun beendet sei und alle über einen Folgetermin informiert würden. Vorne antwortete man uns mit einem langgezogenen Laut der Trauer (ungefähr so: oooohhh), hinten wurde noch vom schwarzen Zigeuner gesungen („Heut‘ kann ich nicht schlafen gehen, heut‘ find‘ ich keine Ruh.“). Dankwart und ich gingen zum Portal des alt-ehrwürdigen Friedhofes und blickten noch einmal zufrieden auf einen anstrengenden Arbeitstag zurück: In der Mitte des Friedhofes in einer Staubwolke stand unsere Trauergemeinde. Man hörte lautes Rufen und Gesang, man prostete sich zu, half sich mit Erfrischungstüchern aus und klebte sich gegenseitig Pflaster auf blutige Knie.
Blut, Wasser, Wein, Gesang, Staub, Tod, gegenseitige Hilfe – das kommt ja auch alles oft in der Bibel vor. Schade, dass gestern kein Pfarrer dabei war.

Jetzt sitze ich in meiner Küche und nehme eine Fußbad. Ein Fußbad der Gerechtigkeit. Für meine Füße, für die Gerechtigkeit. Man muss zu seinen Überzeugungen stehen. Auch beim Gehen.

2 Antworten

  1. Frau Fledertier

    Das ist eine sehr rührende Geschichte, mit viel Liebe zum Detail und einer gewissen (von Ihnen, Herr Wangenroth, wahrscheinlich ungewollten) Komik, um nicht zu sagen zum Todlachen.
    Ich freue mich auf neue Abenteuer aus Ihrem Leben.

    24. August 2008 um 17:57

  2. Ja, vielen Dank, Frau Fledertier. Ich finde es wichtig, seine und auch ihre Gefühle zu zeigen. Sie müssen sich Ihrer Rührung nicht schämen. Gerechtigkeit ist etwas, das uns alle angeht – auch im Sitzen!

    24. August 2008 um 22:59

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